Donnerstag, November 09, 2017

Wie Frauen heute zum Schweigen gebracht werden – News vom 9. November 2017

1.
Thomas Schlingmann vom Verein "Tauwetter" erklärt, warum es männlichen Opfern oft schwer fällt, sich mit sexuellen Gewalterfahrungen auseinanderzusetzen - und warum es bisher kaum Hilfsangebote für sie gibt.


Das tut er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift "Viele Männer verdrängen jahrelang, dass sie missbraucht wurden".



2. Die neuesten lesenswerten Beiträge zur Sexismusdebatte:

In dem Artikel Schuldig, schuldig, schuldig der "Stuttgarter Zeitung" berichtet Sibylle Krause-Burger, dass sie in diesen Männerbeschimpfungstagen froh ist, eine Frau zu sein.

Die meines Erachtens gelungenste Analyse des Maischberger-Talks gestern Abend liefert Frank Lübberding in der Frankfurter Allgemeinen.

In der "Basler Zeitung" sieht René Zeyer bei der aktuellen Rhetorik vom Mann als Sexmonster einen neuen Puritanismus am Werk.

In Österreichs "Krone" bezieht die Moderatorin Chris Lohner gegen "rachsüchtige Frauen" Stellung.

Die Neurowissenschaftlerin Debra Soh warnt vor einer Verdammung der männlichen Sexualität:

Da sich die Zahl der Opfer immer weiter vermehrt und Versuche unternommen werden, eine Erklärung dafür zu finden, ist es für uns wichtig zu erkennen, dass Sexualität - und zwar die männliche Sexualität - nicht für den Skandal verantwortlich zu machen ist, der sich in grellen Details vor uns ausbreitet. Als jemand, der sowohl klinisch als auch forschend mit inhaftierten Sexualstraftätern zusammengearbeitet hat, lassen Sie mich eines klarstellen: Die meisten Männer vergewaltigen oder belästigen Frauen nicht. Dementsprechend ist räuberisches sexuelles Verhalten nicht das Ergebnis von Männlichkeit und Sexualtrieb, sondern dass einige Männer sich bewusst dafür entscheiden, unethisch und uneinvernehmlich zu handeln.

In den letzten Jahren hat es immer mehr den Trend gegeben, Männer mit Begriffen wie "toxic masculinity" zu beschämen und zu pathologisieren, weil sie an Frauen einen Hauch von sexuellem Interesse haben, aber dieser Trend liefert keine sinnvollen Lösungen. Es gibt einen Unterschied zwischen gesunder Sexualität und Sexualität, die die Grenzen anderer Menschen überschreitet. Beides als symptomatisch für alle Männer zusammenzuführen, ist weder hilfreich noch produktiv, und diejenigen, die diese Art von Übertretungen begehen, wird kulturelle Beschämung nicht aufhalten.


Das britische Magazin "Sp!ked" beanstandet, dass sexuelle Übergriffe gegen Frauen der unteren Schichten bei der aktuellen Debatte kaum eine Rolle spielen, und wirft dem Feminismus Doppelmoral vor:

Viele sprechen jetzt von der Notwendigkeit,"Frauen zu glauben". Doch den Mädchen der Arbeiterklasse wurden nicht geglaubt, und viele von ihnen wussten, dass man ihnen nicht glauben würde. Der Kontrast zwischen dem sozialen Kapital dieser Mädchen und der Journalisten, die sich über handgreifliche Abgeordnete beschweren, ist krass. Erstere sind vergessen, und letztere werden als Märtyrer gefeiert, obwohl sie etwas "erleiden", was die meisten Menschen als sehr schwaches Fehlverhalten einordnen würden. Es scheint, dass für viele Feministinnen und viele in den Medien, hochkarätige Frauen, die nur leicht berührt werden, eine größere, wichtigere Geschichte darstellt als Frauen aus der Arbeiterklasse, die vergewaltigt werden.


Zoe Strimpel befürchtet, dass der Stil, in dem die Sexismus-Debatte geführt wird (Männer als Raubtiere und Frauen als Beute), bald auch Frauen schadet.

Beim "Hollywood Reporter" teilt Stephen Galloway seine Beobachtung, dass im Eifer der Jagd auf grenzüberschreitende Promis die Unschuldsvermutung keine Rolle mehr spielt:

Ich habe enorme Angst davor, dass wir in unserem rechtschaffenen Streben, Gutes zu tun, sowohl die Unschuldigen als auch die Schuldigen hinwegfegen. Wir akzeptieren Behauptungen anstelle von handfesten Beweisen. Wir verschmelzen die Schuldigen kleinerer Verbrechen mit den Tätern ungeheuerlichen und sogar kriminellen Verhaltens.

(...) Und doch eilen die meisten Journalisten ohne Pause vorwärts. Und dabei dehnen sie immer mehr die Grenzen dessen, was man uns mitteilen kann, und durchbrechen die dicke Mauer zwischen Tatsachen und Klatsch.

Das ist eine echte Veränderung. Jahrelang war es undenkbar, solche verdammenden Berichte ohne eiserne Fakten zu drucken oder beiden Seiten die Chance zu geben, ihre Geschichte darzustellen. Aber all das hat sich im Laufe von drei Wochen geändert. Angesichts der glühenden Konkurrenz geben wir bewährte Verhaltenskodizes auf und wissen, dass wir den Kampf um die Story verlieren, wenn wir es nicht tun.


Galloway fühlt sich ähnlich wie Roger Köppel an die Missbrauchshysterie der neunziger Jahre erinnert, als Journalisten selbst die verrücktesten Anschuldigungen ohne kritische Gegenrecherche druckten oder sendeten.

Währenddessen verkommt in unseren Medien die Debatte um sexuelle Gewalt endgültig zum Clickbait.



3. Die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen hat am 4. November offiziell erklärt, ihren Online-Pranger von Feminismus-Kritikern zu beenden. Er erinnere an eine "antidemokratische Form". Die für den Pranger verantwortliche "Redaktion" (im wesentlichen wohl Andreas Kemper) möchte ihn jetzt in Eigenregie fortführen.



4. Im Aero-Magazin ist der zweite Teil eines Zweiteilers von Helen Pluckrose darüber erscheinen, wie Frauen heutzutage zum Schweigen gebracht werden – von Feministinnen, nicht vom bösen Patriarchat:

Ich suchte über Twitter und die Academic Reddit Foren für eine Befragung Wissenschaftlerinnen oder Studentinnen, die auf dem Campus Selbstzensur betreiben müssen, weil sie Angst vor sozialen oder beruflichen Konsequenzen haben, weil sie Meinungen haben, die in Bezug auf Geschlechtergleichheit, Rassengleichheit, Vielfalt und Inklusion als nicht "intersektionell" genug angesehen werden. Die Frauen, die darauf antworteten, wurden gefragt, wie sich ihre eigenen Ansichten von den intersektionellen unterscheiden, wie sie sich selbst zensieren, was sie fürchten, was passieren könnte, wenn sie sich nicht selbst zensieren und nach einigen Beispiele aus ihrer eigenen Erfahrung. Ich erhielt 76 relevante Antworten von Frauen an Universitäten, die soziale Gleichberechtigung schätzten und mit einigen oder allen Aspekten intersektioneller Ansätze zu Vielfalt und Inklusion nicht einverstanden waren.

Am häufigsten wichen die Befragten mit ihrer Auffassung, dass es zwei Geschlechter gibt, vom intersektionellen Lager ab, was am häufigsten vor allem von geschlechterkritischen Feministinnen beanstandet wurde. Die zweithäufigste Abweichung war die Präferenz für Meritokratie und Individualität gegenüber Identitätspolitik. Die dritte war eine allgemeine Übereinstimmung mit den Zielen der Intersektionalität in Bezug auf Vielfalt und Einbeziehung, aber ein Gefühl, dass sie zu extrem geworden war. Andere weniger allgemein bekannte, aber wiederholte Meinungsverschiedenheiten waren eine Vorliebe für intellektuelle und ideologische Vielfalt, ein Respekt vor wissenschaftlichen und evidenzbasierten Ansätzen und ein Einwand gegen die Dämonisierung und Diskriminierung von Männern.

Frauen berichteten, sich vor allem dadurch einer Selbstzensur zu unterziehen, dass sie einfach nur schweigen, wobei einige ihre Ansichten in abgemilderter Form und andere sie in vertrauenswürdiger Gesellschaft ausdrückten. Die negative Folge, die am meisten befürchtet wurde, war soziale Ausgrenzung, Feindseligkeit oder Fehleinschätzungen mit Folgen für die eigene Karriere. Am zweithäufigsten wurden Gewalt und Doxing befürchtet. Die einzelnen Teilnehmerinnen teilten unterschiedlichste Erfahrungen, aber auch sieben Wissenschaftlerinnen fanden ihre Arbeit durch Identitätspolitik, insbesondere Geschlechterpolitik, kompromittiert. Fünf Frauen hatten Feindseligkeiten erfahren, weil sie unorthodoxe Ansichten geäußert hatten, und vier Frauen fühlten sich durch eine überwältigende ideologische Präsenz auf dem Campus eingeschüchtert.

(...) Besorgniserregend für 6 Befragte (8%) war das, was sie als Dämonisierung oder Diskriminierung von Männern betrachteten oder einfach als Gleichgültigkeit oder mangelndes Bewusstsein gegenüber Themen, die Männer betreffen. Weitere 3 sagten, daß sie mit der Verunglimpfung der heterosexuellen und/oder weißen Männer nicht übereinstimmten. Zu ihre Antworten gehören die folgenden:

"Ich bin eine Befürworterin von Männerrechten und Männlichkeitsstudien und bin der festen Überzeugung, dass wir das Verhalten und die Einstellungen von Frauen und Männern bei der Schaffung verschiedener Formen und Erfahrungen von Diskriminierung berücksichtigen müssen."

"Ich fühle mich, als ob ich weiße Männer hassen soll, und dass Frauen nicht für Gleichberechtigung kämpfen, sondern besser als Männer sein sollen."

"Ich soll weiße Männer diskriminieren, auch wenn ich es verabscheuenswürdig finde."

(...) Die meisten Befragten zitierten [als Grund dafür, ihre Meinung nicht zu sagen] eine Mischung aus sozialen und beruflichen Ängsten.

"Mein Ruf würde beschädigt werden, und die könnten mit meinen Professoren reden und mich feuern lassen. Ich würde viele Freunde verlieren."

"Ich würde sozialen Druck von anderen Studenten erfahren, und der Backlash könnte seinen Weg zu meinem akademischen Berater finden, um ihn zu veranlassen, mich anders zu behandeln und möglichen zukünftigen Arbeitgebern eine weniger gute Empfehlung über mich auszustellen."

"Ich fürchte akademische Konsequenzen wie bestraft, suspendiert oder vom Weiterstudium ausgeschlossen zu werden, wenn ich die falschen Leute verärgere. Ich fürchte, dass meine Freunde sich gegen mich wenden und dass sich auf dem Arbeitsmarkt herumspricht, dass ich 'problematisch' wäre und auf schwarze Listen komme."

(...) "Die Leute nennen dich einen Fanatiker und Nazi. Das sagen sie dir ins Gesicht. Leute, die dich wirklich mögen, sagen dir, dass es gefährlich ist, über diese Dinge zu sprechen. dass du alles sehr schnell verlieren könntest. Sie flehen dich an, die Klappe zu halten. Sich nicht mehr aktiv auszudrücken reicht allerdings nicht mehr aus. Es gibt eine neue Entwicklung: Einige Studenten sind nicht mehr glücklich mit Menschen, die Probleme völlig vermeiden. Sie werfen knifflige Themen indirekt auf und erwarten von dir, dass du die richtigen Tugendsignale zurückmeldest. Wenn du neutral bleibst, regen sie sich sichtlich auf und erhalten ihre Tugendsignale aufrecht, bis sie merken, dass du sie nicht erwidern wirst. Dann flüstern sie untereinander: Sie ist ein Nazi."

"Ich werde bereits von den meisten meiner alten Freunde gemieden, nachdem sie herausgefunden hatten, dass ich nicht mehr auf die Social-Justice-Schiene stehe. Auf meinem Campus wurden Leute mit ähnlichen Ansichten wie ich von der Antifa verleumdet, die haben bedrohliche Plakate mit ihren Gesichtern und vollständigen Namen aufgehängt. Ich fürchte, wenn die Nachricht über meine Ansichten verbreitet wird, könnte das auch mir passieren."


Hier findet man den vollständigen Artikel.

Wie hierzulande Feministinnen gegen Frauen agieren, schildert heute Lucas Schoppe (auch am Beispiel Mithu Sanyals und mir).



5. Was ist eigentlich in Schweden los? fragt das Magazin "Quillette":

Schweden rühmt sich, ein Leuchtturm des Feminismus zu sein. Das Land verfügt über den großzügigsten Elternurlaub in der entwickelten Welt und sieht 18 Monate Arbeitsfreizeit vor, von denen 15 Monate von Vätern als Vaterschaftsurlaub genutzt werden können. Ein Viertel des bezahlten Elternurlaubs wird tatsächlich von Männern genutzt, und das ist der schwedischen Regierung zufolge zu wenig, was es zu einer politischen Priorität gemacht hat, Väter dazu zu bewegen, länger mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben.

Schweden hat im Global Gender Gap Report, der seit 2006 für das Weltwirtschaftsforum Gleichstellung in Wirtschaft, Politik, Bildung und Gesundheit misst, nie unter vier Punkten gestanden. Von allen Mitgliedern des Parlaments sind 44 Prozent Frauen, verglichen mit 19 Prozent des Kongresses der Vereinigten Staaten. Fast zwei Drittel aller Hochschulabschlüsse werden an Frauen vergeben. Ihre Regierung ist "die erste feministische Regierung" der Welt und weist darauf hin, dass die Gleichstellung der Geschlechter für sie Prioritäten hat, wenn es um politische Entscheidungen und Ressourcen geht.

Doch obwohl die schwedischen Frauen zu den gleichberechtigtsten der Welt gehören, fürchten sie sich immer mehr um ihre körperliche Sicherheit auf der Straße. Die gemeldeten Sexualverbrechen nahmen zwischen 2007 und 2016 um 61 Prozent zu. Inzwischen steigt die Gewalt von Männern in Banden - die Zahl der Opfer von Schusswaffen hat zwischen 2004 und 2016 um 50 Prozent zugenommen -, was sich indirekt auf die Sicherheit von Frauen auswirkt. Die Polizei gibt zu, dass Vergewaltigungsfälle sich stapeln, ohne untersucht zu werden, weil die Ressourcen durch Bandengewalt und Schießereien erschöpft sind.


Hier geht es weiter.



6. Ein Blick ins exotischere Ausland: Dutzende von Männern berichten von Vergewaltigung und Folter auf Veranlassung der Regierung Sri Lankas.



7. Die Post.

Einer meiner Leser schreibt mir zu meiner gestrigen Meldung über das vermeintlich erste Todesopfer der Sexismus-Hysterie: "Nein, dass ist leider nicht das erste Todesopfer. In Vancouver sind schon zwei DJ´s gestorben."



Ein anderer Leser schreibt mir:

Hallo Arne,

seit ein paar Wochen schaue ich mir aus Alternativlosigkeit, Umschaltfaulheit und zunehmend morbider Neugier die Samstagsausgaben der WDR-Sendung "Aktuelle Stunde" an.

Ich weiß ja nicht, ob das unter der Woche auch so ist, aber offenbar gibt es dort zumindest jeden Samstag einen Beitrag, der aussieht, als sei er eigentlich für FrauTV gedacht gewesen.

Letzte Woche war es ein Stück zu der Frage, wie man seine Söhne so erzieht, daß sie "keine Sexisten, sondern Feministen" werden. Davor ein Beitrag über sexuelle Gewalt, der es selbstverständlich so darstellte, als werde diese ausschließlich von Männern an Frauen ausgeübt, und zu dem der Moderator noch anmerkte, nur 5% aller Vergewaltigungen würden überhaupt angezeigt. (Was bedeuten würde, daß 40% aller Frauen in Deutschland im Laufe ihres Lebens vergewaltigt werden!)

Und noch eine Woche vorher hatten sie einen männlichen Feministen sogar als Studiogast, der beschloß, die Definitionsmacht bei Sexismus läge immer beim Opfer ... woraufhin die Moderatorin mit dem Satz "und von manchen Männern ist es gar nicht weit bis zum Thema unseres nächsten Beitrags" zu einem Stück über röhrende Hirsche in der Brunft überleitete.

(Auf sowas wie "Und a propos Frauen: Peter Müller aus Greifswald hat die größte Ziegenherde Bayerns" von einem männlichen Moderator könnte man vermutlich lange warten; nicht daß ich Wert darauf legen würde.)

Keine Überraschung, daß auf meine Beschwerden und Nachfragen nie eine Antwort kam.

Aber deswegen schreibe ich Dir gar nicht. Sondern, weil letzten Samstag in diesem Zusammenhang auch noch eine sinnvolle Information rumkam:

Der WDR bringt nächste Woche Donnerstag, den 16.11., um 20:15 Uhr eine 90-minütige Diskussionssendung unter dem Titel "Ihre Meinung: Flirten oder grapschen – wo fängt Sexismus an?" Dazu kann man auf deren Kontaktseite oder per Mail an ihremeinung@wdr.de nicht nur Kommentare und Geschichten beitragen, sondern sich auch als Studiogast bewerben.

Und zumindest für Ersteres sollte doch wohl jeder Genderama-Leser drei Minuten und ein paar Gramm Hirnschmalz erübrigen können. Wenn dabei nicht wenigstens eine dreistellige Anzahl herauskommt, wäre jedenfalls mir das irgendwie peinlich.

(Man muß im Kontaktformular übrigens weder Namen noch E-Mail-Adresse angeben; ich glaube aber auch nicht, daß der Name überprüft wird, und Wegwerfaddressen mit verschiedenen Domains gibt es z.B. bei Mailinator.)

Eine Mail von mir mit der Frage, ob der WDR als Qualitätsmedium wohl seinem Anspruch an Ausgewogenheit gerecht werden und zu den im Panel zweifellos reichlich vorhandenen Feministinnen gleichberechtigt (!) auch Maskulisten und/oder Männerrechtler einladen wird, (und einer Namensliste, damit die armen Journalisten sich nicht überarbeiten müssen) geht übrigens zeitgleich raus. Ich bin ja soooo gespannt, ob die Redaktion sich bei Dir meldet ... nicht.

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